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Antworte Heinrich von Kleist!

Heinrich von KleistHeinrich von Kleist an Christian Ernst Martini

Potsdam, den 18. (und 19.) März 1799

Halten Sie mich für keinen Streitsüchtigen, mein Freund! […] Die Frage war die: ob ein Fall möglich sei, in welchem ein denkender Mensch der Überzeugung eines andern mehr trauen soll, als seiner eigenen? Ich sage: ein denkender Mensch, und schließe dadurch alle Fälle aus, in welchen ein blinder Glaube sich der Autorität eines andern unterwirft. Unter dieser Einschränkung scheint für unsere Streitfrage der einzige mögliche Fall der zu sein, wenn sich die Überzeugung des andern vorzugsweise auf die Erfahrung und die Weisheit des Alters gründet. Aber was heißt es: der Überzeugung eines andern trauen? Aus Gründen einsehen, daß seine Meinung wahr ist, das heißt, seine Meinung zur meinen machen, und ist es dann nicht immer nur meine eigene Überzeugung, welcher ich traue und folge? - Alles, was ein denkender Mensch tun soll, wenn die Überzeugung eines älteren und weiseren der seinigen widerspricht, ist, daß er gerechte Zweifel gegen die Wahrheit seiner Meinung erhebe, daß er sie streng und wiederholt prüfe und sich hüte, zu früh zu glauben, daß er sie aus allen Gesichtspunkten betrachtet und beleuchtet habe. Aber gegen seine Überzeugung glauben, heißt glauben, was man nicht glaubt, ist unmöglich.
Wenn man also nur seiner eigenen Überzeugung folgen darf und kann, so müßte man eigentlich niemand um Rat fragen, als sich selbst, als die Vernunft; denn niemand kann besser wissen, was zu meinem Glücke dient, als ich selbst; niemand kann so gut wissen, wie ich, welcher Weg des Lebens unter den Bedingungen meiner physischen und moralischen Beschaffenheit für mich einzuschlagen am besten sei; eben weil dies niemand so genau kennt, niemand sie so genau ergründen kann, wie ich. Alle diejenigen, die so schnell mit Ratgeben bei der Hand sind, kennen die Wichtigkeit und Schwierigkeit des Amtes nicht, dem sie sich unterziehen, und diejenigen, die sein Gewicht genug einsehen, scheuen sich, es zu verwalten, eben weil sie fühlen, wie schwer und selbst wie gefährlich es ist. Es ist also ein wahres Wort: daß man nur den um Rat fragen soll, der keinen gibt.
Aus dem Grunde schreib ich an Sie, mein Freund!

(Auszug)

(Aus: Kleist: Briefe 1793-1804. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG. 1964)

 

ZusatzinfoHeinrich von Kleist (18. Oktober 1777 – 21. November 1811) entstammte einer angesehenen Adelsfamilie und sollte eine Militärlaufbahn absolvieren. Er entschied sich aber, gegen den Willen der Familie, ein Leben nach seinen Idealen zu führen. Er hatte ständig Geldsorgen und als Schriftsteller keinen Erfolg. Mit 34 Jahren hat sich Kleist am Wannsee in Berlin erschossen. Christian Ernst Martini war sein Freund und Hauslehrer.

 

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